"Sagen Sie den Kindern, dass sie sterben müssen?" ist eine der häufigten Fragen an Mitarbeiter eines Krankenhauses. Die Befürchtung, jemandem mit "der Wahrheit" zu entmutigen, ist groß. Was ist die Wahrheit? Wir müssen alle einmal sterben. Und keiner von uns kennt die genaueren Umstände seines Sterbens. Die Wahrheit über die Situation eines z.B. krebskranken Kindes läßt sicht nicht in der Aussage "Sterben: ja oder nein" abbilden. Die Wahrheit besteht aus vielen kleinen und größeren Teilen. Sie soll wie Puzzleteile Patientenkindern zur Verfügung stehen, damit sie sich ein Bild über Ihre Lage machen können, das mit ihrer eigenen Wahrnehmung und ihrem inneren Wissen um ihren Zustand zusammenpaßt. Die Wahrheit, das ist zum Beispiel die Auskunft über die Dauer des Klinikaufenthaltes, ist das Zustimmen, das bestimmte Dinge weh tun, statt dies mit "Es tut doch gar nicht weh", "Es ist doch nicht so schlimm" zu verharmlosen.

Wer beantwortet aber gerne von Angst besetzte Fragen wie "werde ich wieder gesund?", "Muss ich noch mal ins Krankenhaus?", und Fragen nach verstorbenen Mitpatienten. In dieser schmerzlichen Zumutung einer ehrlichen Antwort beginnt jedoch zum einen ein Stück Sterbebegleitung, zum anderen ein Stück eigene Trauerarbeit. Da Eltern von der Krankheit des Kindes genauso betroffen sind wie das Kind selbst, sind sie oft von ihren eigenen Ängsten in Bann geschlagen und brauchen Ermutigung und Stärkung, sich auf die eigenen Gefühle einzulassen. Das ist die Vorraussetzung, um ihre Kinder angemessen unterstützen zu können und sich ihre Fragen zu stellen. Die Tatsache, dass Eltern selber traurig sind und nicht immer gute Miene zum bösen Spiel machen können. ist ebenfalls ein Puzzleteil der Wahrheit.

Viele Eltern befürchten, mit ehrlichen Antworten ihre Kinder zu überfordern, zu schwächen oder ins Unglück zu stürzen. Wenn wir annehmen, dass Kinder in dem Moment Fragen stellen, in dem die bereit und fähig sind, die ehrliche Antwort aufzunehmen, können wir uns auf eine offene Kommunikation einlassen. Die Faustregel dazu könnte heißen: Der Zeitpunkt der Fragestellung und die ausgewählte Person sind genau die richtigen.

Beim ersten Gespräch mit den Eltern eines Jugendlichen ist der erste Satz des Vaters: " Aber unsere Tochter weiß nicht, wie es um sie steht, und das soll auch so bleiben." Im laufe des Gesprächs können die Eltern den Gedanken zulassen, dass sie ihrer Tochter ehrliche Antworten auf ihre Fragen nicht verwehren wollen. "Dann steht die Lüge nicht mehr zwischen uns. Das ist nämlich sehr belastend."

Als ein 14 jähriger Patient durch einen anderen Patienten vom Tod eines kleinen Jungen erfährt, wird er auf seine Mutter ärgerlich. "Warum hast du mir das nicht gesagt? Wie lange weißt Du das schon? Ich habe Dich doch schon so oft nach J. gefragt!" Die Mutter war selber so traurig über die Nachricht, dass sie sich nicht im Stand sah, ihrem Sohn die Wahrheit zu sagen.

Dazu gehört auch, dass Ärzte nicht nur die Eltern über Krankheit und Therapie aufklären, sondern dass sie auch den PatientenKindern mit Informationen und ehrlichen Antworten zur Verfügung stehen. Immer wieder heißt es, man dürfe niemandem die Hoffnung nehmen beziehungsweise die Hoffnung nicht aufgeben. Die Hoffnung ist eine starke Kraft, die hält der Realität Stand, wenn sie nicht mit Illusionen verwechselt wird.

Weitere Informationen finden Sie im Buch Wenn ein Kind stirbt. Ein Begleiter für trauernde Eltern und Geschwister

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