Die weit verbreitete These, man solle einen Menschen so in Erinnerung behalten, wie er zu Lebzeiten gewesen ist, kommt vermutlich aus dem Mund derer, die viel Angst vor dem Anblick eines Toten haben oder Angst vor starken Gefühlen anderer Menschen. In den meisten Fällen hat dies mit eigenen angstbesetzten Erfahrungen im Zusammenhang mit dem Sterben zu tun.

Auf Dem Seminar "Lebensbegleitung bis zum Tod" für Schüler und Schülerinnen der Kinderkrankenpflegeschule berichtet eine Schülerin, wie belastend sie als kleines Mädchen die tot aufgebahrte Großmutter in deren Haus erlebt hatte. Alle seien so untröstlich gewesen und niemand habe sich des kleinen Mädchens angenommen. Dabei habe sie ihre Oma immer sehr gern gehabt. Die Erfahrung wird nicht in erster Linie durch den Anblick des toten Körpers traumatisiert, sondern durch die fehlende Aufmerksamkeit für das Mädchen in dieser Situation.

Es gibt meiner Erfahrung nach nicht viele Umstände, die es Eltern oder Geschwistern verbieten würden, sich vom verstorbenen Kind von Angesicht zu Angesicht zu verabschieden. Im Zusammenhang mit Unfällen und der Verletzung der Angehörigen sollte dringend überürüft werden, ob Angehörige an der Beerdigung teilnehmen können und aus diesem Grunde vorrübergehend aus der Klinik beurlaubt werden können.

Die Mutter eines 18 jährigen Jungen suchte lange nach dem Tod ihres Sohnes Beratung. Er war bei einem Verkehrsunfall ums Lebeb gekommen. Sie fand keine Ruhe, weil der Bestatter und ihr Ehemann ihr verboten hatten, ihren Sohn noch einmal zu sehen. Er habe eine offene Gehirnverletzung, und das könne die Mutter nicht verkraften. Sie zweifelte monatelang, ob es wirklich ihr Sohn war, der tödlich verunglückt sei. Sie hoffte inständig, eines Tages werde er wiederkehren. Zudem hatte Sie schreckliche Vorstellungen über das Aussehen ihres Kindes, was ihr große Schlafstörungen bescherte.

Auch bei KIndern ist die Phantasie, wie schrecklich gruselig ein Toter aussieht, meistens viel schlimmer und weniger zu verkraften als die Konfrontation mit der Realität.

Ich denke an eine Studentin, die ein Jahr vor dem Tod ihrer krebskranken Schwester zum aufgebahrten 80 jährigen Nachbarn in die Aussegnungshalle ging, um sich erstmals mit dem Anblick eines Toten zu konfrontieren. Dies war ohne allzugroße emotionelle Belastung möglich. Es war zugleich die Vorwegnahme und Einübung für die drohende Begegnung mit dem Tod der eigenen Schwester.

Erfahrungsgemäß ist es für Geschwisterkinder ab drei Jahren ein wichtiger Schritt, um den Tod des Bruder/ der Schwester als wirklich zu begreifen und zu verstehen.

Marco, 10 Jahre alt, saß lange Zeit neben dem Krankenbett, in dem seine Schwester vor wenigen Minuten gestorben war. Immer wieder meinte er, sie noch atmen zu hören. Er überprüfte das, indem er sein Ohr an ihr Gesicht hielt und versuchte, Herz und Puls zu tasten, um dann selber festzustellen: "Nein, sie atmet doch nicht mehr. Sie ist wirklich tot."

Wenn Geschwister das Patientenkind lange nicht mehr gesehen haben und es sich wesentlich verändert hat, sollte man versuchen, die Zeit des Erschreckens und der Angst überbrücken zu helfen. Hier kommt es darauf an, den Verstorbenen so eingehend zu betrachten, dass man ihn "erkennt" und die Veränderungen (z.B. in der Hautfarbe) zu deuten weiß. Nach wenigen Minuten kann der Ausdruck des Todes betrachtet undspäter als bedeutsam erinnert werden. Viele Eltern berichten von einem entspannten und gelösten Gesichtsausdruck ihres verstorbenen Kindes, welcher sie hoffen läßt, dass das Kind nun von seiner Krankheit befreit einen guten Platz "im Himmel" gefunden hat.

Manuels Eltern durften seinen letzten Atemzüge als ruhiges Hinübergleiten in ein erlöstes, friedvolles Dasein erkennen. "So entspannt war er lange nicht mehr", sagte seine Mutter. Die Last seines kranken Körpers war spürbar von ihm abgefallen.

Es wird immer wieder gefragt, ob der christliche Glaube anlässlich des Sterbens eines Kindes helfe. Ich meine, dass unsere Vorstellung nicht das erfassen können, was uns in Anbetracht des Todes erwartet. Dass jedoch die Gegenwart Gottes in dieser tiefen Erfahrung spürbar wird, ob erwartet, erbeten oder unerhofft, davon bin ich persönlich überzeugt.

Der Vater der 17 monate alten Emiliy bestaunt den friedlichen Gesichtsausdruck seiner verstorbenen Tochter. In der ehemaligen DDR und ohne religiöse Prägung aufgewachsen, beschreibt er seine Wahrnehmung so: "Als ich mein Kind sah, dachte ich, sie sieht aus wie ein zweites kleines Jesuskind."

In diesem Zusammenhang lohnt es sich, die tradionellen Totenmasken berühmter Persönlichkeiten auf ihren Ausdruck hin anzuschauen. Dieses Phänomen beschreibt der Theologe Werner Thiede: "Als wenn sie ein Stück Ewigkeit gesehen hätten: nach dem Sterben löst sich bei vielen Menschen die Miene zu einem versöhnten Ausdruck."

In dieser Situation machen sich Eltern Sorgen, ob ihre anderen Kinder die Beerdigung verkraften werden. Sie spüren ihre eigene Ohnmacht und Traurigkeit und fühlen sich überfordert, sich auch noch um die anderen - vor allem um kleine Kinder - zu kümmern. Das ist in jedem Fall zu berücksichtigen. Entlastend kann dafür gesorgt werden, dass sich je ein Erwachsener um ein Kind kümmert, eine Patin oder Nachbarin vielleicht, die gegebenenfalls bereit ist, mit dem Kind den Ort des Geschehens zu verlassen, wenn das Kind sich langweilt oder überfordert fühlt. In der Regel ist das aber nicht der Fall. Vorraussetzung ist, das die Kinder nicht bedrängt werden, sondern selbst frei entscheiden dürfen, ob sie an der Beerdigung teilnehmen wollen. Sie sollten allerdings dazu ermutigt werden, indem ihnen erklärt wird, was auf sie zukommt und das es gut ist, sich in dieser Form zu verabschieden.

"Ich würde ja mitgehen zu Beerdigung, aber meine Tochter hat gesagt, es ist besser für mich, wenn ich sie so in Erinnerung behalte, wie sie war." sagt ein achtjähriger, dessen Schwester gestorben ist und der sich in diesem schwierigen Zeiten der Einfachheithalber lieber angepasst hat.

Ein vierjähriges Mädchen durfte nicht an der Beerdigung ihrer zwei Jahre älteren Schwester teilnehmen. Bei späteren Friedhofsbesuchen äußerte sieden Wunsch, ihre Schwester wieder auszugraben, weil diese in der Erde doch gar keine Luft kriegen würde."

Lesen Sie weiter im Buch Wenn ein Kind stirbt. Ein Begleiter für trauernde Eltern und Geschwister

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